Freitag, 23. September 2016

Toni Erdmann / Die Unfassbaren 2 / Captain Fantastic

Toni Erdmann

Supergehypter deutscher Film, der nach allgemeiner Kritikermeinung mindestens die goldene Bärenstechlorbeerpalme verdient gehabt hätte. Ich fand ihn ganz ok, aber nicht etwa bahnbrechend. (Also kein Vergleich zu „Viktoria“). Im Grunde geht es um eine Vater-Tochter-Geschichte: Lehrer-Papi ist ein bisschen einsam und rückt seiner Jung-Consultant-Tochter am Arbeitsort in Rumänien auf die Pelle. Als Stalker in unmöglichen Verkleidungen und zum Fremdschämen hässlich bewahrt er trotzdem (und das ist die eigentliche Stärke des Films) Ruhe und Würde und bekommt – ganz am Ende – die Tochter zurück.

Typisch deutscher Film, so wie Kaurismäki finnisch ist: Bisschen Kitsch, bisschen Klischee, aber mit Liebe gemacht. Kann man reingehen.

Wahre Liebe sieht anders aus: Romantik ist bei den Unternehmensberatern in "Toni Erdmann" nicht sehr ausgeprägt.

Die Unfassbaren 2

Um das naheliegende „Unfassbar schlecht“ komme ich hier leider nicht vorbei. Nachdem ich den ersten Teil (Magie! Seifenblasen!! Regebogenkotzende Einhörner!!!) so sehr gemocht habe, musste ich auch in den zweiten gehen, obwohl ich schon aus verschiedenen Quellen gewarnt worden war. Zu recht. Alles was am ersten Teil schön war, ist hier zuverlässig ins Lahme gedreht worden. Sogar die faszinierenden Hauptcharaktere sind in der Regie von Neuling Jon Chu zu  austauschbaren Hampelmännern geworden – ununterscheidbare, dummes Zeug plappernde Pappaufsteller, gespielt von Schauspieler-Imitatoren. Einzig Neuzugang Lola (Lizzy Caplan) darf reden wie ein Mensch, und das ist dann streckenweise wieder recht lustig. Leider ist auch die Story übermäßig verworren.

Das war nix, Mr. Chu. Bitte einen dritten Teil nur nach ausführlichem Nachdenken und dem vorliegen einer TÜV-geprüften Storyline. (Chu hat allein ZWEI Autobiografien von Justin Bieber gefilmt. Das muss doch nachdenklich machen)

Dieses vielversprechende Bild verspricht leider zu viel: Für einen Heist-Film ist der Plot von "Die Unfassbaren 2" zu flach

Captain Fantastic

Streckenweise gut gemacht: Intelligenter Außenseiter erzieht seine sechs Kinder nach eigenen Regeln in den Bergen Montanas, alle wachsen zu hochintelligenten, hochindividuellen Menschen heran. Als die Mutter sich im Krankenhaus wegen Depressionen das Leben nimmt, kehrt die Familie in die Zivilisation zurück und gerät mit quasi allem in Konflikt: Dem Gesetz, dem Opa, der Liebe und der Medizin. Weil „Lebe nach Seinen Regeln!“-Papa immer nur das Beste will, denkt er schließlich sogar darüber nach, die Kinder dem stockkonservativen Schwiegervater zu überschreiben. Am Ende wird alles gut.

Für meinen Geschmack etwas zu viel amerikanisches Pathos (da kann ich ja gar nicht drauf!). Die Kinder sind Zucker, Papa ist so schlau wie ich es gerne wäre (minus der Verstocktheit), Opa und Kirche sind für mich unverständlich (aber ist ja auch eine andere Kultur). Kann man, muss man aber nicht sehen.


In Bildern stark, in der Spannungslinie nicht ganz so schlüssig: In "Captain Fantastic" sind die Kinder der Star

Donnerstag, 2. Juni 2016

Money Monster

Regie: Jodie Foster. Cast: Julia Roberts, George Clooney, Caitriona Balfe. Was soll da schiefgehen? Und es ist auch nichts schiefgegangen. Selbst wenn man meine freundliche Voreingenommenheit gegenüber dieser begnadeten Schauspielerin abzieht, bleibt ein außergewöhnlich unterhaltsamer, Foster-typisch intelligenter Film mit vielen überraschenden (aber halbwegs logischen) Wendungen, einer Menge Humor und auch etwas Tragik. Film vom Feinsten!

Worum geht’s?

Weil in diesem Film die Wendungen der Geschichte wirklich eine tragende Säule und Quell einer Menge Spaß sind, halte ich ausnahmsweise mal mein Maul und erzähle nur das, das sowieso in jedem Artikel zum Film steht: Clooney gibt den extrovertierten Fernseh-Finanzguru, der sein Publikum mit (Halb-)Wissen, Showeinlagen und wöchentlichen „Finanztipps des Jahrtausends“ unterhält.


"17744 Jodiefoster" ist ein 1998 entdeckter Asteroid im Hauptgürtel. Jodie Foster spielte die Astronomin Eleanor Arroway im Film "Contact" von 1997. Mehr Ruhm bringt eigentlich nur noch ein persönlicher Mondkrater oder eine eigene physikalische Einheit.

Paketbote Kyle hat da was falsch verstanden und Oma ihr klein‘ Häuschen komplett in eine von Clooneys windigen Aktienempfehlung gesteckt – Pech, dass eben diese Firma direkt danach in den freien Fall übergeht. Für Kyle sind 60.000 Verlust schon eine Hausnummer. 

"In my home, we ritualize all of them. We do Christmas. We do Shabbat on Fridays. We love Kwanzaa. I take pains to give my family a real religious basis, a knowledge, because it's being well educated. You need to know why all those wars were fought."

Verärgert, aber ohne echten Plan sucht er Clooney mit einer Pistole und zwei Sprengstoffwesten im Studio auf, während Regisseurin Julia alles live weiter senden muss.

Clooney macht sich auch gerne mal zum Affen. Sympathisch, das.

Alles endet überraschenderweise vorhersehbar (und das ist hier wiedersinnigerweise kein Wiederspruch!) tragisch. Unterwegs aber wird viel gelacht!

Die "Der Steuerstand ist überfordert"-Szene liebe ich ja sehr, seitdem ich als Jugendlicher einen Film über Fluglotsen gesehen habe. Vergleiche dazu: "Black Hawk Down" und "Unstoppable"


Wie war’s?


WOW. Das war mal wieder so richtig gut. 

Das Kino stand kurz vor dem Szenenapplaus (für Kyles Freundin Molly). Der Film ist außerdem außerordentlich kurzweilig, und das auf mindestens drei Ebenen: a) Clooneys kontinuierliche Versuche sich aus seiner Sprengstoffweste heraus zu schwindeln, b) die Beobachtung, dass im Leben wirklich nie so läuft, wie Plan und Improvisation es nahelegen und c) die Furcht um das Leben aller Beteiligten, allen voran dem des reine Tors Jack, unschuldig-schuldiger Michael Kohlhaas und Ober-Looser zugleich.


Friendlys Schulnote: Eine EINS ohne Einschränkungen. Unbedingt sehen, lachen, Spaß haben und sich am Talent aller Beteiligten freuen. Die politische Botschaft (die ja so nahe lag wie ein Hundehaufen neben der Fahrertür) hat Foster übrigens erfreulicherweise umschifft – mir gefällt das.


P.S.: Jodie Foster heißt mit Vornahmen eigentlich nicht Jodie, sondern Alicia.

P.P.S.: Foster lernte mit drei Jahren lesen, war Jahrgangsbeste ihrer Abschlussklasse, Master in Literatur (magna cum laude) in Yale '85. Sie synchronisiert ihre französischen Filme selbst, spricht spanisch und deutsch und versteht italienisch. Sie ist Atheistin.

P.P.P.S.:  Hier sind ihre wichtigsten Filme:

  • Taxi Driver (1976)
  • Bugsy Malone (1976)
  • The Little Girl Who Lives Down the Lane (1976)
  • Freaky Friday (1976)
  • Candleshoe (1977)
  • Foxes (1980)
  • The Hotel New Hampshire (1984)
  • Five Corners (1987)
  • The Accused (1988)
  • The Silence of the Lambs (1991)
  • Little Man Tate (1991)
  • Sommersby (1993)
  • Maverick (1994)
  • Nell (1994)
  • Home for the Holidays (1995)
  • Contact (1997)
  • Anna and the King (1999)
  • Panic Room (2002)
  • Flightplan (2005)
  • Inside Man (2006)
  • The Brave One (2007)
  • Nim's Island (2008)
  • The Beaver (2011)
  • Carnage (2011)
  • Elysium (2013)
  • Money Monster (2016)

Samstag, 28. Mai 2016

Kiss Kiss Bang Bang

„Pulp Fiction“ gesehen und gesagt: Das kann ich auch. Ist leider doch nicht so einfach, du Westentaschen-Tarantino.


Na, wenigstens eine gute Figur im Film.
Oder ist das jetzt unsensibel?


Worum geht’s?

Wirr. Einbrecher wird für Schauspieler gehalten (nicht grade soooo originell: kam so oder anders in „Schnappt Shorty“, in „Kleine Haie“…) und soll dann bei einem Privatdetektiv in die Lehre gehen, um (Method-Acting) im Thriller glaubwürdig zu sein. Höchst unglaubwürdig, das Ganze…

Auf einer Party lernt er Harmony kennen, die er nicht als seinen Highschool-Schwarm erkennt (obwohl die Highschool-Zeit noch keine zehn Jahre zurückliegt… Logik ade). Die Polizei erzählt ihm später am Abend, dass Harmony Selbstmord begangen habe, worauf Harmony (Türchen-auf, Türchen-zu…) aufgeregt, aber unversehrt vor seiner Tür steht. Die Tote sei in Wirklichkeit ihre Schwester, nein, sie ist dann doch die Tochter des Film-Moguls, auf dessen Party sie sich wieder getroffen haben… Grrrrr!


Ja, ja... Die Herrschaft der bösen Männer. Gibt es eigentlich eine Strafe auf 'Einstellung klauen'?

Ganz am Ende war die falsche Tochter doch noch eine ganz andere Person und die Schwester hat sich umgebracht weil … [hier bitte selbst den unwahrscheinlichsten denkbaren Grund einsetzen].

Soweit zum konfusen Inhalt. Jetzt zum Film selbst (und das ist eher noch schlimmer):

Wie war’s?

Wenn es sowas überhaupt gibt, ist der Film „unfreiwillig unkomisch“. Erst hielt ich es für ein irgendwie unattraktives, aber aus irgendwelchen geheimen Gründen unerlässliches Stilmittel, dass alle Figuren ständig lahme Sprüche klopfen, aber wahrscheinlicher ist: der Regisseur hält diese Sprüche für witzig.

Wahrhaft unterirdisch wird es, wenn der Hauptdarsteller sich direkt ans Publikum wendet (und das tut er oft). Was soll das denn nun? Episches Theater für Arme? Für mich ist das so lustig wie "einen Witz erklären". Brecht und Piscator haben uns wenigstens nicht mit leerem Geschwätz gelangweilt.

Und als wäre das nicht alles traurig genug, haben wir es hier auch mit Zwischenüberschriften für die Filmabschnitte zu tun, es gibt alternative Enden… sogar der Abspann ist VOR dem Film, alles sehr tarantinoesk. Traurig, traurig, traurig.


Es gibt Regisseure, die halten es immer noch für progressiv,
wenn zwei Männer sich in ihrem Film küssen. Retarded!

Friendlys Schulnote: Mangelhaft, Fünf. (Und das nicht nur, weil ich heute schlecht drauf wäre). Diesen Film muss man nicht nur nicht sehen, den sollte man aktiv vermeiden. 

Ich will nicht verschweigen, dass die überwiegende Mehrzahl der Kritiker hier anderer Meinung sind: schließlich waren es die 85% positiver Bewertungen auf „Rotten Tomatoes“, die mich darauf gebracht haben, den Film zu sehen… Hilft aber nix: ich habe Recht, die anderen haben alle was am Kopf.

P.S.: Am Tag drauf habe ich „Unter Beobachtung“ gesehen. Dieser Film ist auf jeden Fall vorzuziehen! Und gestern "Money Monster", und der ist SUPER. Jodie rules!

P.P.S.: Mein jüngerer Sohn findet „5“ zu hart. Gefallen hat ihm der Film aber auch nicht. Mein Ältester ist nach zwei Dritteln rausgegangen.

P.P.P.S: Unglaublich, aber wahr: Shane Black hat bei "Iron Man 3" Regie geführt. Michelle Monaghan war "Zombie 406" in meinem geliebten "Zombieland" und spielte auch in der Super-Serie "True Detective" mit.

Dienstag, 26. April 2016

Snowpiercer

„Das ist ein Schuh. Wenn der Schuh auf dem Kopf ist, ist etwas falsch. Ich bin der Hut, ihr seid der Schuh“. Mit Metaphern lässt sich alles begründen, wenn man sich erst einmal auf das schmale Brett falscher Voraussetzungen begeben hat. In diesem wirklich abgefahrenen Endzeit-Science-Fiction demonstriert Ministerin Mason (tip-top mal wieder: Tilda Swinton, die ja viele unglaublich schlechte Filme gemacht hat - ich sage nur "Narnia" - die sich aber als Camping-Chefin-From-Hell in "The Beach" in den Fries der Unsterblichkeit eingemeißelt hat) den Untermenschen in den hinteren Waggons, wo ihr Platz ist: da wo es eng, dreckig und stinkig ist und wo man sich von gepressten Schaben ernährt.

Ministerin Mason weiß ihre Pappenheimer einzuschüchtern. Kann man einen gefrorenen Arm eigentlich mit dem Hammer zerschmettern?

Die Story: in einer Abfolge von alptraumhaften Sequenzen arbeiten sich die Unterdrückten vom Zugende bis zum großen Erbauer im Führerstand vor, dies alles in einem unaufhörlich mit Höchstgeschwindigkeit kreisenden Zug, der einzigen Insel der Lebensfähigkeit in einer komplett vereisten Welt. Wer das für unwahrscheinlich hält: recht hat er!

Einziges halbwegs attraktives Gesicht in dieser Welt voll Schmutz und Armut: Die Tochter des Zugtüren-Konstrukteurs ist drogenabhängig

Ist aber auch egal: in einer Mischung von „1984“ und „Black Hawk Down“ (mit Nachtsichtgeräten) geht es ordentlich rund und ein paar Leute, die es verdient haben, sterben bös und blutig. Das ist mindestens unterhaltsam – und für diejenigen, die für Zeitgeschichte interessieren, sind auch ein paar Schmankerl zum Thema Diktatur, Gehirnwäsche an Kindern und Korumpierbarkeit der Unterdrückten dabei.

Wenn man selbst mangelhaft bewaffnet einen Raum betritt, sieht man solche Herren eigentlich nicht so gerne. 


Friendlys Schulnote: Im Ganzen ein „GUT bis GUT-PLUS“. Rasante Action, alptraumhaft a la „Brazil“. Am Ende verliert die Story etwas an Schwung und ein paar Nebendarsteller sind sparsam motiviert. Dennoch: sollte man sehen, wenn man das Genre mag. 

Und hier sind endlich die Helden: John Hurt (links), Chris Evans (spielt meist Superhelden, z.B. Captain America) in der Mitte, Jamie Bell (aus Billy Elliot) rechts

P.S.: John Hurt, der Hauptdarsteller des "weisen alten Führers" in Snowpiercer hat seinerzeit in "1984" die Hauptrolle des Winston Smith gespielt. Ich sage nur: Einmal Dystopie, immer Dystopie.

P.P.S.: Jajaja, es heißt Dystopie, nicht Dystrophie. Zwei Fehler in einem Wort! Das ist ja grauenhaft! (Danke für den Hinweis)

Montag, 15. Februar 2016

Suffragetten - Taten statt Worte

Mal wieder Zeit für etwas politische Bewusstseinsbildung  – ich will die Gelegenheit nicht versäumen und gehe mit meinen Kindern in „Suffragetten“. Unglücklich gewählter Titel irgendwie: ich weiß nie so genau, wie man das ausspricht, und es ist doch auch so ein altertümliches und ungebräuchliches Wort....

Die Einstellung zur Staatsgewalt ist sehr davon abhängig, ob man grade selbst im Polizeigriff steckt

Ungünstig auch, weil das Wort ein Beispiel dafür ist, dass eine Gruppenbezeichnung von den Betroffenen nicht vom Negativen ins Positive gedreht wird (wie „schwul“) sondern sich irgendwie in die Gegenrichtung entwickelt. Sei’s drum: Ordentlicher Film, informativ und sogar mit mindestens EINER großen Frage, über die es lohnt, sich ein paar Gedanken zu machen (doch dazu später).

Worum geht’s?


London 1912: Maude ist Vorarbeiterin in der Wäscherei, in der sie seit ihrem 12ten Lebensjahr arbeitet. Der Arbeitsalltag ist frühindustriell: Chemikalien greifen Lungen und die Haut der Wäscherinnen an, Arbeitsunfälle mit kochendem Wasser sind die Regel und sexuelle Belästigungen und Missbrauch Minderjähriger durch die Vorgesetzten (Männer) werden hingenommen statt verfolgt. Gesetze und Rechtspflege benachteiligen Frauen: ihre Interessen sollen nach herrschender Auffassung durch Väter, Ehemänner und Brüder wahrgenommen werden.

Die Uraufführung des Films gab Anlass zu Protesten gegen die Kürzung von staatlichen Mitteln, die häuslicher Gewalt vorbeugen sollen.

Als Vertreterin für eine Arbeitskollegin, die von Ihrem Mann am Vorabend verprügelt worden war, spricht Maude vor Schatzkanzler und Parlament über die Arbeitsverhältnisse in der Wäscherei und wird in anschließenden Raufhändeln von der Polizei zusammengeschlagen und verhaftet. Der Freilassung folgt die soziale Ächtung durch Nachbarn und durch Mann Sonny: Frauen verhalten sich nicht so, und besonders werden sie nicht verhaftet.

Welchen Weg soll Maude gehen? Sich der Repression entgegenstellen und mit den Frauenrechtlerinnen, die sie im Gefängnis kennengelernt hat, für das Wahlrecht kämpfen? Oder zurückstecken, sich die Anerkennung von Mann und Umgebung zurückerarbeiten?

Maude versucht natürlich beides. Sie verspricht ihrem Mann Wohlverhalten und Gehorsam und geht heimlich weiter zu den Versammlungen der Suffragetten.

Keine Lüge lebt ewig: Maude wird wieder eingesackt und im Polizeiwagen nach Hause gefahren. Sonny schmeißt sie raus und enthält ihr den gemeinsamen Sohn vor – im Einklang mit dem Gesetz der Zeit. Er versucht die Sache allein zu schaukeln, kriegt es aber nicht hin – wo das soziale Netz seiner Frau erlaubt, den Sohn auch mal gegen schmales Geld von der Nachbarin betreuen zu lassen, ist Sonny nun ein Geächteter ohne Freunde. Er gibt den Sohn zur Adoption frei.

Manchmal macht Revolte auch Spaß: Bitte achten Sie auf den Gesichtsausdruck der Darstellerin

Maude leidet, radikalisiert sich, jagt mit ihren Freundinnen Briefkästen in die Luft und schneidet Telegrafendrähte durch. Als sie den Landsitz eines Ministers mit einer respektablen Explosion hochgehen lassen, werden sie als die ‚üblichen Verdächtigen‘ verhaftet. Der Kommissar versucht Maude zum Spitzeldienst zu überreden, scheitert aber an ihrer bereits gefestigten Sicht der Dinge.

„Gesetze bedeuten mir nichts. Ich hatte bei der Gesetzgebung keine Stimme“

Maude und ihre Mithäftlinge treten in den Hungerstreik und werden zwangsernährt – eine Maßnahme, die (auch heute noch – siehe die RAF der 70er Jahre) unweigerlich in Brutalität und Folter ausartet. Die britische Presse wird von der Regierung dazu veranlasst, die Aktionen der Frauenrechtlerinnen ebenso wie die Zwangsernährung zu verschweigen oder herunterzuspielen.

Zwangsernährung ist nix Schönes. Der Gefangene wird nicht deshalb so traktiert, weil man ihm das Leben erhalten will, sondern weil man die Auseinandersetzung mit der Tatsache scheut, dass er lieber stirbt, als die Rechtmäßigkeit seiner Gefangennahme zu akzeptieren

Um ein Zeichen zu setzen, das diese Zensur nicht unterdrücken kann, wollen Maude und Emily Davison (eine historische Figur) beim königlichen Derby ein Banner der Frauenrechtsbewegung entfalten. Sie werden am Zugang zur Tribüne gehindert, schließlich tritt Emily in die Rennbahn, um das Banner an einem der daher jagenden Pferde zu befestigen. Das Pferd (in diesem Fall das Pferd aus dem Gestüt des Königs) läuft sie um, sie stirbt. Die Beerdigung unter vieltausendfacher Beteiligung macht das Anliegen der Frauenrechtlerinnen in ganz England bekannt.

Wie war’s?


Wie immer bei den Biopics (die ich ja so sehr liebe) bin ich geneigt, nicht über die Filmkunst zu schreiben, sondern über die Missstände, die im Film geschildert werden. Unvorstellbar, dass es in den meisten europäischen Ländern bis zum ersten Weltkrieg gebraucht hat, bis die Frauen endlich gleichberechtigt wählen durften! Noch unvorstellbarer, dass es in der Schweiz bis 1971 gedauert hat! Dass in unserem Freundesland und Bündnispartner Saudi-Arabien das Frauenwahlrecht sich zurzeit lediglich „in Prüfung“ befindet, verwundert mich dann auch nicht mehr.

Und weil es wirklich ein Eins-A-Medien-Event seiner Zeit war, ist auf uns auch eine historische Aufnahme gekommen. Emily Davison, Pferd, Jockey, alle links am Boden.

Müssen wir jetzt historisches Verständnis haben, weil die Zustände von 1912 sich „aus der Zeit“ erklären? Oder beweist das einfach nur, dass wir uns einfach immer wieder jede Art von bestehenden Verhältnissen als die beste und vernünftigste aller Welten weismachen lassen?

Welche Missstände werden spätere Generationen bei uns sehen? Wird es die Diskriminierung der ganzen Sonder-, Misch-, und Zwischengeschlechtsempfindungen, aka „Genderwahn“ sein? Oder der Unterschied, den wir zwischen den Rechten von Deutschen und Nichtdeutschen machen? Oder werden es die fehlenden Tierrechte sein? Oder das Wahlrecht für Kinder?

Zugegeben, mir kommen jetzt alle diese Themen abwegig vor, wahrscheinlich ebenso abwegig wie dem Schatzkanzler das Wahlrecht für Frauen.

Bei allem Geschimpfe über Lohnstückkosten, Gewerkschaftsmacht und ebenso unkündbare wie arbeitsunlustige Mitarbeiter sollten die Unternehmer nicht vergessen, wie es in den schlechten alten Zeiten mit der Arbeitssicherheit, der Absicherung gegen Willkür und der Gleichstellung von Mann und Frau ausgesehen hat.


Und jetzt der versprochene tiefsinnige Gedanke im Film (ist jetzt schon der zweite, nach dem Beitrag zur Zeitgebundenheit unserer Auffassungen): Im Film sagt der (böse) Geheimdienstler der (lieben) Rebellin: „Sie benutzen Euch. Sie geben euch allerhand, womit ihr Euch schmücken könnt und damit ihr euch besser fühlt und womit ihr aus eurem armseligen Leben für eine Zeit lang fliehen könnt. Aber für sie seid ihr nur Kanonenfutter, sie werden euch wegwerfen, wenn ihr euren Zweck erfüllt habt.“ Da muss ich erstmal drüber nachdenken. Wie oft sind die einfachen Gefolgsleute für die Anführer nur Mittel zum Zweck? Manchmal, Immer, Nie? (Zutreffendes bitte ankreuzen).

Friendlys Schulnote: eine ZWEI. Solide gedrehtes Manipulations-Melodram mit sympathischer Hauptdarstellerin und einigen bewegenden Momenten. Unmotiviert getrübt erscheint mir allerdings die Beziehung zwischen Maude und Sonny: Wenn sie sich so augenscheinlich gut verstehen, warum reden sie nicht auch über Maudes neue Rolle als Aktivistin? Aber was weiß ich schon, Menschen sind komisch.

P.S.: Wirklich, wirklich witzig finde ich die Idee, an alle aus dem Gefängnis entlassenen Kämpferinnen Ordensbänder zu verteilen. Die Anzahl der Clips bestätigt die Anzahl der Gefängnisaufenthalte für ‚die Sache‘. Das mache ich auch so, wenn ich mal an der Spitze einer Bewegung stehe, hihi…

P.P.S.: Kann übrigens auch als Kommentar zur ‚Lügenpresse‘ Diskussion gesehen werden, diese Selbstzensur der Zeitungen im Film. Man wollte die ‚Propaganda der Tat‘ durch Ignorieren aushungern, so wie manche Journalisten heute denken, sie sollten besser nicht berichten über .. ja was denn? Nicht berichten über Brandanschläge gegen Flüchtlingsunterkünfte, damit es keine Nachahmungstaten gibt? Oder nicht berichten über Straftaten von Immigranten, damit es keine Stimmung gegen ‚den Flüchtling an sich‘ gibt?

Ich möchte mir ausnahmsweise einmal eine entschiedene eigene Meinung in einer politischen Frage erlauben: Die Wahrheit muss auf den Tisch. Zahlen, Daten Fakten. Dann erst die Auslegung, die Interpretation, das Abwägen und Vergleichen. 

Sind Flüchtlinge krimineller als Deutsche gleichen Alters und Geschlechts? Warum werden bei so wenigen Brandanschlägen die Täter ermittelt? Stimmt es, dass die Silvestertäter von Köln nicht angeklagt werden können? Dinge werden nur besser, wenn man drüber nachdenken kann, und nachdenken kann man nur, wenn man weiß, was der Fall ist. Jede ‚voreilende‘ Rücksichtnahme und Auswahl der Fakten egal in welcher Richtung ist nicht nur unfair, sondern schädlich für das Gemeinwesen.

Samstag, 6. Februar 2016

Sin Nombre

Bei diesem Film hatte ich eine sehr seltsame Erscheinung: So wie manche Dörfer nur alle hundert Jahre und nur für eine Nacht in der Welt erscheinen, so fand ich eine Original-Version von „Sin Nombre“ mit deutschen Untertiteln auf Amazon? Netflix? Ja wo denn? 

Einen Tag später, als ich den Film mit meiner Liebsten noch einmal (und dann auch bis zum Ende) sehen wollte, war die OV weg! Es gab nur mehr synchronisierte Fassungen! Also behandelt diese Kritik die Originalversion (erste Hälfte) und deutsch synchronisierte Fassung (zweite Hälfte), sorry dafür…

Jaja... Das ist natürlich die offensichtliche Wahl für einen Film über die Flucht per Zug aus Honduras in die USA. Da es aber auch wirklich ein Train-Movie ist, kommen wir eben nicht an diesem Bild vorbei. Im Vordergrund: Sayra, dahinter: Casper

Worum geht’s?


Flüchtlingsdrama. Papa kommt aus den USA zurück nach Honduras (Illegaler, ausgewiesen) und will wieder zurück. Seine Tochter Sayra (nicht gesehen, seit sie ein Kleinkind war) ist groß genug zum Arbeiten, also soll sie mit. 

Meanwhile, am anderen Ende der Stadt: Kleinkriminelles Gangmitglied Casper hat Ärger mit a) dem jugendlichen Boss, weil er nicht war, wo er sein sollte und b) seiner Freundin aus besserer Familie, die ihn bei jeden Gangtreffen in den Armen irgendeiner lebenslustigen Gangsterin wähnt.


In diesem Milleu genügt es, die falsche Abkürzung zu nehmen, wenn man zur anderen Gang gehört

Beides hat die gleiche Ursache - Casper hält Freundin und Gang fein säuberlich getrennt weil: die Jungs sind echt gefährlich, was sich erweist, als der Boss die Freundin zu vergewaltigen versucht, um Casper für einen verschwiegenen Beischlaf in der Arbeitszeit zu bestrafen.

Die Sache geht noch schiefer als geplant. Noch vor dem Vollzug schlägt sich das Mädchen an einem Grabstein den Schädel ein und stirbt.

Sind das die Kollegen, denen Du Schutz und Fürsorge für deine minderjährige Freundin anvertrauen würdest? Besser nicht.

Damit ist die Sache für den Chef erledigt. Casper soll sich jetzt zusammenreißen und gemeinsam mit ihm und dem Neu-und-Kind-Gangster Smiley einen Zug ausrauben. 

Die Handlungsstränge laufen zusammen: Boss will Sayra (Papas Tochter) auf dem Zug vergewaltigen, Casper hat die Sache mit seiner Freundin noch nicht verwunden und hackt im Affekt den Boss mit der Machete vom Dach.

Es beginnt eine ziemlich coole Verfolgungsjagd. Die Jungs aus der Gang sind nicht nur hinter Casper her, sie verständigen auch die befreundeten Banden längs der Strecke und schicken Klein-Smiley als gewissenlosen Mikrogangster auf die blutige Spur.

Versuch einer Sippenhaft: Boss will Casper durch sexuellen-Missbrauch-per-proxy disziplinieren. Freundin wehrt sich aber.
Unterwegs verlieren eigentlich alle ihr Leben, die USA erreicht nur Sayra. Casper stirbt als letzter, nur wenige Schwimmzüge vom rettenden Ufer des Rio Grande entfernt, was dann auch irgendwie tragisch ist.

Nicht jeder, der ein Kind hat, wird auch automatisch dadurch geläutert

Wie war’s?


Lakonisch, grausam, böse. Und das mit einer Beiläufigkeit, die für mich wie Wahrheit aussieht. Andererseits: wer weiß schon, wie es in den Honduranischen Gangs zugeht? Auf jeden Fall ist die Story oberspannend, die Charaktere handeln einigermaßen nachvollziehbar, und es wird nicht viel rumgelabert.

Na wenigstens versucht er, seinem Baby die Ohren zuzuhalten, wenn Klein Smiley mit einer improvisierten Ein-Schuss-Knarre dem gefesselten Gefangenen den Kopf wegblasen muss. Ist wohl Fürsorge.


Friendlys Schulnote: eigentlich eine Zwei-Plus, in der Originalversion (wo ist sie denn jetzt?) sogar eine Eins-Minus. Ist aber harter Tobak, meine Empfehlung: nicht unter 14 Jahren sehen.

P.S.: Regisseur Fukanaga hat auch den respektablen "Beasts with no Nation" und die unglaublich gute Serie "True Detective", Staffel 1 gedreht

Freitag, 29. Januar 2016

The Revenant - Der Rückkehrer

Möglicherweise ist „The Revenant“ so nah an den echten Angriff durch einen wirklichen Bären herangekommen, wie es mit filmischen Mitteln überhaupt geht. Meine Liebste hat irgendetwas Unschönes bei der Tricktechnik gesehen, aber mir erschien alles echt und wahr und wirklich, was aber auch an den Händen gelegen haben kann, die ich die meiste Zeit vor das Gesicht geschlagen hatte.

Woher? Wohin? Sie sind überall! Will Poulter spielt den junger Bridger überzeugend naiv (wie er auch schon den jungen Kenny in "Wir sind die Millers"). Hoffentlich bleibt es rollenmäßig nicht dabei...

Worum geht’s?


Neu-England zur Zeit der Steinschloss-Vorderlader: die Indianer sind ernsthaft gefährlich und die Wildnis ist noch ziemlich wild. Eine Gruppe von Pelzjägern wird von Waldläufer Glass und seinem Sohn geführt. Glass wird von einem Bären angefallen. Er überlebt knapp, ist aber nicht mehr transportfähig. Captain Henry, der Anführer der Gruppe, lässt Glass zurück, bewacht von dessen Sohn, dem jungen Pelzjäger Bridger (mal wieder bemerkenswert: mein Liebling Will Poulter) und den alternden Soldat Fitzgerald. Obwohl durch eine stattliche Prämie motiviert, tötet Fitzgerald Glass‘ Sohn, schüchtert Bridger ein und begräbt Glass lebendig.

Wieder erwarten ist Glass doch noch nicht ganz tot: er rappelt sich auf und macht sich kriechend an die Verfolgung. Dabei wird er von feindlichen Indianern gejagt (und entkommt durch wegschwimmen), befreit eine Häuptlingstochter, die von französischen Pelzjägern missbraucht wird (entkommt mit einem ihrer Pferde) und wird von anderen Indianern zu Pferde verfolgt (und entkommt durch Sturz in eine Tanne).

Und hier ist endlich auch der Bär. Eigentlich: eine Bärin. Da hilft auch eine Feuerwaffe wenig

Noch vor Glass selbst kommt dessen Feldflasche im Pelzjägerfort an – Fitzgerald erkennt die Zeichen der Zeit, bricht den Tresor auf und gibt Fersengeld. Hilft ihm am Ende aber auch nicht.

Wie war’s?


Ein bisschen Tarantinoesk, nur mit weniger Blut. Letztlich eine Racheorgie mit Hindernissen - mir hat’s gefallen. Vielleicht hätten es ein paar Minuten Landschaftsaufnahmen weniger auch getan, und vielleicht sind die übermenschlichen Überlebenskräfte ein bisschen sehr nach Superheldenart für einen ansonsten so überzeugend harten, realistischen Dreck-und-Scheiße-Film, aber da drücke ich ein Auge zu.


Friendlys Schulnote: Eine ZWEI, und ein Plus für den Bären! (Der sollte übrigens den Oskar bekommen! Ist auch nicht hellhäutig und dazu Teil einer diskriminierten Minderheit)

Freitag, 22. Januar 2016

A single man

... ist mal wieder ein Schwulenfilm, und wie bei jedem einzelnen Schwulenfilm hat mir auch dieser Film wieder gut gefallen, obwohl ich Schwulenfilme ja an sich alle langweilig finde. 

Die Story ist ein Kammerspiel von einem knappen Tag: Uni-Professor Falkoner in den 60ern, hat seinen Freund bei Autounfall verloren (ist schon was her), hat Depressionen und will sich umbringen. 

Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben (flöt...). Er is' aber auch n' Süßer!
Sehr unterhaltsam: seine praktischen Überlegungen zum Thema: „Wie schieße ich mir selbst in den Kopf, ohne dass meine Haushälterin hinterher alles sauber machen muss?“: Mit einem Kissen vor dem Gesicht? Oder besser umgekehrt im Schlafsack liegend?

Das waren noch Zeiten, als man die Bedrohung durch die Wasserpistole noch mit adäquater Geste erwidern durfte. Heute geht man wahrscheinlich wegen Traumatisierung Minderjähriger ins Loch dafür
Erstmal bietet eine improvisierte Zweierparty bei der Nachbarin einen Aufschub, später überzeugt ihn die Fürsorge eines schwärmerischen Studenten, das mit dem Selbstmord doch besser sein zu lassen. Dann (und ich weiß wirklich nicht, ob ich diese Wendung nun toll finde oder beschissen) fällt er tot um – Herzinfarkt.

Sie findet ihn wirklich ziemlich super. Schade für beide, dass er schwul ist.
Der Film hat eine dünne Story, er leidet etwas unter dem symbolisch überfrachteten kleinen Nachbarsmädchen (die für irgendetwas steht, aber wie mir scheint, bei jedem Auftritt für etwas anderes: Homophobie, Grausamkeit, Naivität?) und das Ende ist nur deshalb zu ertragen, weil ein Happy-End noch schlimmer wäre. ABER: die Bilder sind so stimmig und detailversessen 60er, der Farbton unterstreicht die Situation subtil und die Anzüge! Die Krawatten! Die Hüte! Ich wollte, ich hätte diesen Stil! Und: Colin Firth (meine Liebste zu dem Thema: Der wird immer geholt, wenn es mal wirklich etwas zu spielen gibt. Und sie findet den Vornamen schön) ist ernsthaft, wirklich, super.
"Minderheiten sind auch nur Menschen"

Friendlys Schulnote: Eine ZWEI. Ich empfehle den Film für die unter uns, die eher visuell orientiert sind und die wissen wie "Kontenonz" richtig geschrieben wird. Nix für Jogginghosenträger!

P.S.: Ja, die Regie wurde von dem Sonnenbrillenheini geführt. Respekt!

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Star Wars 7: Das Erwachen der Macht

… ist ein Remake – aber ein gelungenes! Erzählt wird im Grunde die gleiche alte gute Geschichte wie im ersten Star-Wars-Film. Warum auch nicht? Schließlich sind vierzig Jahre vergangen, die kleinen Jungs von damals sind jetzt Eltern, und deren Kinder können dem Raunen des Alten am Lagerfeuer nun die gleiche Faszination abgewinnen, vorausgesetzt, dass die alten Geschichten in der Sprache ihrer Zeit erzählt werden. Ein Epos dieser Tiefe kann natürlich nicht durch Inhaltsangaben erfasst werden (ist eh‘ immer das gleiche), deshalb präsentiere ich Friendlys Fragenkatalog:

Verfall und Niedergang: Aus den Trümmern des Imperium kann man wenigstens noch ein paar Kondensatoren klauen

Worum geht’s?


[Besserwissermode on] Um das manichäische ewige Ringen des Lichtes mit der Finsternis und Luke Skywalker als der verborgene Parakletos, den es für die Erlösung zu finden gilt. Nebenbei wird wieder ein Fascho-Todesstern vernichtet. [Besserwissermode off]

Wo ist der Praxisbezug?


Grundlegende Lehren des Filmes sind: 1) Vor dem Einleiten des Giftgases den korrekten Sitz der Atemmasken kontrollieren, 2) Tentakelmonster können ganz schön biestig sein, 3) Wenn Du als dunkler Lord überforderst bist, steige lieber aus (anstatt durch übertriebene Gräueltaten immer noch einen draufzusetzen)

Han Solo wie wir ihn kennen und lieben: irgendwie werde ich mich schon wieder herausreden

Hat die ‚Neue Ordnung‘ eine Chance?


Nicht, solange die Panzerung der Sturmtruppler Geschosse auf diese Weise anzieht. (Ja, ich weiß auch, das die im Film „Erste Ordnung“ genannt werden, aber das ist wahrscheinlich nur deshalb so, weil „New Order“ Merchandise-mäßig bereits vergeben war. ‚Neue Ordnung‘ klingt einfach Größenordnungen besser!)

Spaß beiseite (Hihi…): Nachdem die dunkle Seite in Folge sieben bereits den dritten Todessstern verloren hat (also ein Durchschnitt von einem Stern pro zehn Jahren), ist das bei einer benötigten Menge von 833.000 Jahresproduktionsmengen Roheisen [1] für einen einzelnen Todesstern der Kategorie 1 schon ein erheblicher Verlust, selbst für Imperien dieser Größe. Ökonomisch scheint das Niederschlagen von Rebellionen nicht so profitabel zu sein, wie es zunächst aussieht. (Und da sind Kleinschäden durch übermotivierte, laserschwertschwingende „Dunkle Lords“ noch nicht mit drin!)

Eine detaillierte Analyse dieser Frage steht noch aus, allerdings scheint die Rebellion trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit a) besser gerüstet, b) besser motiviert, c) deutlich legerer gekleidet und hat auch im Ganzen weniger mit Atembeschwerden durch ungeeignete Schutzkleidung zu kämpfen.


Was macht die Liebe?


Nix. Schrotthändlerin und Nebenerwerbsheldin Rey verliert ihren Fin (ich liebe Vornamen aus nur drei Buchstaben) direkt mal im Krieg (wobei der Feigling eh‘ nicht allzu viel taugte. Immerhin hat er sie geliebt). Luke ist Eremit, einzig Han Solo und Leia nähern sich nach Jahren der Entfremdung („Du hast unseren Sohn Ben total verzogen!“ – „Was soll man vom Sohn eines Gesetzlosen auch anderes erwarten!“) wieder etwas an.

Reichlich abgeklärt: Generalin Leia und Han haben den Verlust ihres Sohnes nicht verwunden

Gab es technische Weiterentwicklungen?


Wenig. Nach mehrstündigem vor- und zurückspulen und detaillierter Side-by-side-Analyse der Filmbilder von 1980 und 2015 hat der imperiale TÜV die Bauartzulassung für die X-Wings in Film 7 noch so graaaaaade eben aufrecht erhalten. Generell ist alles (und das gefällt mir sehr gut) älter, staubiger, schmutziger geworden.

Welche großen Interpretationslinien kann ich am Glühweinstand bemühen, ohne dumm dazustehen?

  1. Star Wars ist die Geschichte einer kleinen Gruppe hochmotivierter und sich moralisch überlegen fühlender Terroristen, die sich mit Selbstmordattentaten gegen eine hochgerüstete und überlegene fremde Macht wehren.

  2. Im siebten Film taucht zum ersten Mal überhaupt Blut auf (gut, früher wurde verstümmelt, verbrannt, erschlagen, erschossen – aber es war kein Tropfen Blut zu sehen). Die Hand eines sterbenden Kameraden markiert Fins weißen Sturmtruppen-Helm mit einem roten Abdruck und hebt ihn damit aus der Menge der gesichtslosen Krieger heraus und macht ihn eigentlich damit erst zum Menschen und Subjekt. Nebenbei bemerkt: die Rote Hand verweist auf die weiße Hand der Saruman-Orks. Erzähle mir keiner, dass das ein Zufall ist.

  3. „It runs in the family“: Schrotthändlerin Rey ist also selbst ohne Ausbildung ähnlich mächtig (im Sinne von „Fühle die Macht, Luke“) wie der übermotivierte „Böse Lord“ Ben. Wie passt Rey in diese Familienaufstellung herein? Wessen Tochter ist sie denn nun? Nachdem Prinzessin Leia sicher aufgefallen wäre, wenn sie auf einem Wüstenplaneten eine kleine Tochter vergessen hätte, bleibt eigentlich als Mutter nur die gute Padme, oder?

  4. Aufstieg und Fall der Nationen: Die aktuelle Beobachtung, dass von den kurzen Perioden der Weltkriege abgesehen alles immer besser wird (mehr Wohlstand, mehr Lebensqualität, mehr Erkenntnis) ist gültig, wenn man nur einen kleinen Ausschnitt der Geschichte beobachtet. In der Spätantike und im frühen Mittelalter gab es durchaus lange (und wir reden über hunderte von Jahren) Perioden, in denen alles den Bach runterging: Reduktion des Fernhandels, Aufgabe von Wassermühlen und Ersatz durch Göpelwerke, Reduktion des Feldertrages, Verlust von Kunstfertigkeiten und wissenschaftlicher Erkenntnis [2]. Deshalb liegen bei Star Wars völlig realistischerweise halbausgeschlachtete Sternenzerstörer herum und werden Teilchen für Teilchen gegen Instant-Schrippen getauscht. Ich mag das!

  5. Frisuren sind bei Star Wars ein wichtiges Thema. Während die liebe Prinzessin (jetzt Generalin) Leia mit ihrem Tymoschenkow-Ährenkranz die Over-Ear-Schnecken aus dem ersten Film nur sachte variiert, wird mit dem Altsächsischen Kriegerkopf des bösen Ben eine völlig neue Ebene der Verunstaltung erreicht, die eigentlich nur Professor Snape als Vorläufer anführen kann. Prima!  
So dumm schauen sie nur selten: generell ist die Schauspielkunst in Star Wars 7 nicht so schlecht, wie man es befürchten durfte. Eher besser als in den letzten sechs Filmen des Franchise.

Friendlys Schulnote: Das ist alles gut, sogar sehr gut. Wahrscheinlich ist SW7 das Beste, was man aus der Geschichte jetzt machen konnte. Abrams geht respektvoll, aber unverbraucht an den Mythos heran. Er macht nicht alles anders, aber er lässt sich von Übervater Lucas und seinem Mega-Plot nichts vorschreiben.

Zu mäkeln habe ich nur ein Detail: Wer kann mir sagen, warum der Besuch in der Oase so verschenkt worden ist? Wie aufwendig kann man das Finden eines Lichtschwertes eigentlich inszenieren? Welche Funktion hat die Oasenbesitzerin? Und warum wird sie als ‚gefährlich‘ angekündigt, ist dann aber nur die nette Oma?

P.S.: Die Tentakelmonster konnten sogar vor dem strengen Auge meiner Liebsten als „phantasievoll“ durchgehen!

P.P.S.: Meine Söhne fanden’s auch gut!

P.P.P.S.: Ich hätte noch gerne etwas über Leias Büstenhalter-Problematik geschrieben, habe aber keinen Vorwand gefunden.

P.P.P.P.S: Das Casting für diesen Film stelle ich mir sehr, sehr lustig vor: Wenn Abrams seine Getreuen ausschwärmen lässt, um die alten Darsteller wieder zu finden (vielleicht, heruntergekommen, vielleicht der Schauspielerei längst entwachsen, vielleicht Schafscherer in Neuseeland?) und zu überreden, noch einmal auf den alten Gaul "Star Wars" zu steigen ... Na gut, vielleicht hat die Gage doch etwas geholfen? (Ok, in Wirklichkeit waren die alten Schauspieler - Ford, Hamill, Fisher - noch aktiv und sogar recht erfolgreich...)

[1] …eines erdähnlichen Planeten. Aktuell liegt der jährliche Stahl-Output weltweit bei 1,6 Milliarden Tonnen (Quelle: Wirtschaftsvereinigung Stahl, Verband der Stahlindustrie in Deutschland, www.stahl-online.de)

[2] H.-J. Gilomen: „Wirtschaftsgeschichte des Mittelalter“, C.H. Beck, 2014

[3] Mani, (216-276 n. Chr.) Persischer Theologe und Begründer des Manichäismus: Erlösungsgeschehen wird durch das ewige Ringen zwischen Licht und Dunkelheit, Gut und Böse bestimmt (-> Gnosis)

[4] "verborgene Parakletos":  aus der Welt (aus meist religiösen Gründen) zurückgezogener Sektengründer (wörtlich: Fürsprecher). Beispiele: Mohammed, Barbarossa


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